Geistliche Häppchen
(Pfarrerin Dr. Heike Springhart)

weder grämlich noch verdrießlich (06.05.14)

Man kann nur gerne, mit Freuden Theologe sein, oder man ist es im Grunde gar nicht. Grämliche Gesichter, verdrießliche Gedanken und langweilige Redensarten können gerade in dieser Wissenschaft unmöglich geduldet werden.

Er war Theologe mit Leidenschaft und Augenzwinkern. Unermüdlich und nicht ohne menschliche Abgründe. Karl Barth feiert am Samstag seinen 128. Geburtstag. Es ist ihm zu wünschen, dass er ihn mit Mozart feiert. Denn – so hatte er sich vorgestellt: Wenn er je in den Himmel kommen sollte, werde er sich dort "zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas, nach Luther, Calvin und Schleiermacher erkundigen".

Der Basler Theologen- und Bürgersohn und spätere Dorfpfarrer in Safenwil muss ein gänzlich ungrämlicher und unverdrießlicher, mitreißender Theologe gewesen sein.

Die Dinge beim rechten Namen zu nennen und auch dann öffentlich, laut und vernehmbar zu sagen, was zu sagen ist, wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht, das hat sein Leben und Denken durchzogen. Auch als sich viele in der evangelischen Kirche vom Nationalsozialismus anstecken ließen, hielt er daran fest und trug maßgeblich dazu bei, dass im Mai 1934 auf der Bekenntnissynode in Barmen erklärt werden konnte: Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben dem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Während seine lutherischen Mitstreiter Hans Asmussen und Thomas Breit ihr Mittagschläfchen hielten, hatte Barth vor genau 80 Jahren den Entwurf der späteren Barmer Theologischen Erklärung verfasst. „Die reformierte Kirche hat gewacht, die lutherische hat geschlafen.“ – so wird er später schmunzelnd anmerken.

In Deutschland konnte der wache und kritische Geist nicht bleiben – bis zum Ende seines Lebens 1968 war er seit 1934 Professor in Basel.

Obwohl er über tausende von Seiten und über ein Leben lang seine theologischen Gedanken entfaltete und eine 14-bändige Kirchliche Dogmatik schrieb, war Karl Barth davon überzeugt, dass theologisches Denken und theologische Weisheit nur bedeuten kann: dem, was Gott bereits gedacht hat, nach zu denken. Gottes Denkspuren hinterher zu denken.

Und damit immer wieder neu und von vorne anzufangen.

1927 hatte er diesen ersten Anfang einer Christlichen Dogmatik geschrieben. Wenig später verwarf er sie wieder. Fing wieder von vorne an.

Mit Freude und Leidenschaft, statt grämlich, verdrießlich und langweilig, dem lebendigen Gott und dem Glauben auf der Spur sein – das ist Weisheit.

Weisheit ist die lebenslange Leidenschaft dafür, sich nicht mit dem abspeisen zu lassen, was mal eben schnell dahingesagt ist. Nicht bei den kleinen Fragen und nicht bei den großen. Sich aber auch nicht abspeisen zu lassen von den Blendmanövern der sogenannten Experten und mit Titeln dekorierten Sachverständigen. Wo es um das Leben und den Glauben geht, sind wir alle immer wieder neu Anfängerinnen und Anfänger. Egal wie alt, egal wie belesen, egal wie wortgewandt.

Weisheit schreibt nicht fest, sondern sie ist tanzende Leidenschaft für das schöpferische Handeln Gottes. Übermütige Heiterkeit auch da, wo das große Nichts und Tohuwabohu die Welt finster aussehen lässt.

Weise Erkenntnis lässt sich herausfordern von dem, was das Leben bietet – und redet es nicht mit vielen Worten klein oder schön. Sie macht die Feier und den Tanz nicht miesepetrig. Und sie übertüncht nicht die Trauer.

Sie behält den Humor und sie setzt sich den Tiefen und den Untiefen aus, ohne in ihnen zu ertrinken. Sie durchzieht die Schöpfung Gottes und hält die Hoffnung lebendig.

Am letzten Abend seines Lebens bekam der altgewordene Karl Barth zu sehr später Stunde – er saß noch am Schreibtisch – einen Anruf von seinem Freund Eduard Thurneysen. Als sie sich verabschiedeten – wohl im Bewusstsein, dass es ein Abschied für immer sein könnte – rief ein verschmitzter Karl Barth seinem Freund zu: Nur ja die Ohren nicht hängen lassen. Es wird ja regiert. Gott sitzt im Regimente.

Altersweise und glaubensheiter, unverdrossen und gar nicht grämlich hat er so der Weisheit noch einmal Worte geliehen.

Diese Weisheit und dieser Humor ist es, der mich den Menschen Karl Barth hinter allen Buchseiten ahnen lässt. Wie gut, dass dieses Leben vor 128 Jahren seinen Anfang nahm.

Santo subito! (29.04.14)

Zweimal waren Menschenmassen in Bewegung am Wochenende.

Alles in Orange beim Königstag in den Niederlanden. Das ganze Land wie jedes Jahr auf den Beinen, orangene Rosen, orangene Hüte – Oranje eben. Der König und seine Familie lässt sich feiern und die Massen jubeln ihm zu. Auch in demokratischen Zeiten fasziniert die Königsfamilie, die drei Töchter im adretten Prinzessinnenkleid und ein huldvoll winkender König fährt an verzückten Volksmassen vorbei.

Alles in Verzückung in Rom. Etwa eine Million Katholiken waren in die heilige Stadt gepilgert zur Heiligsprechung. In der Gruppe „Heiligsprechung 2014“ bei facebook war dann zu lesen: „Es war ein Fest der vier Päpste.“ – die versammelte Heiligkeit sozusagen. 150 Kardinäle, 1000 Bischöfe, 6000 Priester, 90 Regierungsdelegationen waren nach Rom geeilt. Johannes Paul der II. und Johannes der XXIII. wurden heiliggesprochen. Weil sie Vorbilder im Glauben gewesen seien, gar Wunder gewirkt hätten. „Heilige bringen die Kirche voran.“ – so wurde einer der Verantwortlichen zitiert.

Trotzig war auf der evangelischen Plattform zu lesen „warum Evangelische keine Heiligen brauchen“. Die Antwort überrascht nicht: weil es nur einen Mittler gibt. Sonst braucht es keine. Stimmt.

So richtig das ist – das, was da die Massen in Bewegung setzt, macht mich dennoch nachdenklich.

Der Hunger nach Vorbildern, nach charismatischen Persönlichkeiten, nach Menschen, von deren Glanz auch wir Normalsterbliche wenigstens ein bisschen etwas abbekommen können, ist groß.

Und es ist keinesfalls nur eine Frage evangelischer Rechtgläubigkeit und dogmatischer Auseinandersetzungen um den Weg zum Heil.

Als im letzten Jahr Margot Käßmann zum Abschluss des Heidelberger-Katechismus-Jahres in der Heiliggeistkirche predigte, strömten schon 1,5 Stunden vor Gottesdienstbeginn die Menschenmassen in die Kirche, die bis in den letzten Winkel besetzt war. Und wer Großveranstaltungen plant, tut gut daran, den Promifaktor zu bedenken, damit die Halle voll wird.

Die Sehnsucht nach den großen Vorbildern, nach denen, die ein bisschen mehr leuchten als wir alle, ist groß. Es soll auch Leute geben, die beim Kirchentag gerne zum Promigucken gehen.

Von der Verehrung fraglos bedeutender Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder Nelson Mandela einmal ganz abgesehen.

Die ungebremste Massenverzückung ist jedoch seit der Passion Jesu entlarvt. Wie schnell wird von einem Tag auf den anderen aus Halleluja-Rufen das Kreuzigt ihn!

Und wie einsam und belastend ist der Platz auf dem Sockel, auf den die gesetzt werden, die andere bewundern wollen. Wenn jede Bewegung, jedes Wort, jede Geste bedeutsam und der medialen Aufmerksamkeit würdig erscheint. Wer auf den Sockel gestellt wird – im Großen wie im Kleinen – wird zum Denkmal, zur Statue, an dem andere sich abarbeiten, aber als Mensch mit Stärken und mit Schwächen wird er schnell nicht mehr gesehen. Eine einsame Position.

Vorbilder für das Leben und im Glauben, große Persönlichkeiten, die das öffentliche Leben prägen – ja, ich meine durchaus, die braucht es. In den Kirchen und jenseits der Kirchen.

Noch mehr aber braucht es die Erinnerung daran, dass sich in der Kirche die Gemeinschaft der Heiligen versammelt. Diese Heiligen, du und ich, sind nicht heilig, weil irgendein kirchenamtlich verfasster Kriterienkatalog festgelegt hat, dass genug Wunder getan wurden. Diese Heiligen, die wir sind, sind nicht erst heilig, wenn sie herausstechen aus der schnöden Masse der Normalos.

Wir sind heilig, weil wir geheiligt sind. Wir haben in der Tat Anteil am Glanz – am Glanz Gottes, der uns ins Leben gerufen und so geheiligt hat. Heiliggesprochen sind wir längst, spätestens mit der Taufe.

Wir sind zum Menschsein heiliggesprochen – nicht zum Übermenschsein. Auch dann, wenn unser ganz persönlicher Heiligenschein mal schwach flackert  oder einen Wackelkontakt hat.

Dass er leuchtet, dass wir das Leuchten Gottes in diese Welt tragen, ist uns geschenkt von dem, der uns heiligspricht.

So ist jeder Tag ein Tag der Heiligsprechung – für jeden und jede von uns.

Santo subito!

 

Verliert Gott? (22.04.14)

Gott verliert gegen den Fiskus. – das titelte letzte Woche die Rhein-Neckar-Zeitung. Gott verliert gegen den Fiskus. Daran blieben meine morgenmüden Augen hängen. Welch eine lächerliche Vorstellung. Gott verliert gegen den Fiskus. Die Streitgespräche Gottes mit dem Teufel beim faustischen Prolog im Himmel kamen mir in den Sinn, auch das Ringen um Hiob. Wer wird gewinnen?

Gewinnen oder verlieren – geht es wirklich darum? Das Leben ein Kampf? Der Glaube ein Kampf? Sieg oder Niederlage? Die Osterverkündigung und viele der Osterlieder sprechen diese Sprache. Das malerischste davon haben wir gerade gesungen. Christus, der wieder da ist als ein Held, der fröhlich sein Fähnlein schwenkt und „Viktoria“ ruft. Bei mir bewirkt diese Strophe vor allem ein Oster-Schmunzeln samt einer seltsamen Mischung aus Rumpelstilzchen und dem Auferstandenen. Und doch ist in der Melodie die ganze Leichtigkeit des Lebens, die die Schwere des Todes wegsingt.

Der große Kampf, aus dem an Ostern zunächst Gott in Christus und schließlich wir als die Gläubigen als Sieger hervorgehen, befremdet mich zunächst. Mehr Harmageddon als Ringen um Leben und Tod scheint mir das zu sein.

Aber vielleicht liegt doch ein Fünkchen Wahrheit drin. Vielleicht braucht es das drastische Bild vom Sieg des Lebens, um die Dramatik des Todes und den Ernst des Ringens um Leben überhaupt richtig ins Auge zu fassen. Es ist nicht harmlos, was da passiert ist.

Dass Gott sich mit allen Konsequenzen an diese Welt riskiert und ihr zum Opfer fällt, das ist unerhört und bricht alle Bilder von siegreichen Triumphen. Gott riskiert sich. Und fällt der Welt zum Opfer. Das ist anders als die Menschen, über die die Osterausgabe der ZEIT berichtet unter der Überschrift „Wer heute ein Opfer bringt, muss sich fragen lassen: Was hast du davon?“.

Die Spitze des Todes Jesu liegt für mich darin, dass sich in ihm Gottes Entscheidung zur Ohnmacht und zum Risiko ausdrückt. Das Opfer am Kreuz ist keine Heldentat Gottes, sondern die letzte Konsequenz aus der Menschlichkeit Gottes. Er lebt in dieser Welt und fällt ihr zum Opfer. Das ist tatsächlich dramatisch. Und ein großes Ringen. Man könnte sogar sagen: Gott verliert das Leben. Zunächst.

Ostern aber geht darüber hinaus. Ostern kündet davon, dass das, was die Opfer zertritt und entwürdigt, was ihnen und uns das Leben nimmt, nicht die letzte Macht hat.

Selbst dann, wenn es so aussieht, als wäre dieser letzte Kampf ums Leben verloren, siegt das Leben. Tatsächlich. Nicht gerade fähnchenschwenkend, aber doch so, dass es sich durchsetzt. Dem Tod zum Trotz.

Wer verlieren kann, der wächst am Ende über sich hinaus.

Ach und übrigens: Gott verliert gegen den Fiskus. – stimmt dennoch. Der RNZ-Artikel unter der Überschrift hatte ganz und gar keinen theologischen Inhalt, sondern berichtete vom tschechischen Schlagersänger Karel Gott. Der nun doch dazu verurteilt wurde, erhebliche Steuersummen nachzahlen zu müssen.

Vielleicht ein Sieg der Gerechtigkeit.

Ganz sicher aber werden wir aufgerichtet von der lebensschaffenden Kraft Gottes! Christ ist erstanden!

Eintrittskarte in ein besonderes Nichts (Andacht zur Semestereröffnung, 16.04.14)

Wenn wir als Kinder ungeduldig fragten, was es zum Geburtstag geschenkt gibt, bekamen wir immer dasselbe Paar zur Antwort: „ä goldendes Nüschtschen und ä silbernes Warteweilschen“ – für alle Nichtsachsen: „ein goldenes Nichts und ein silbernes Wart-noch-ein-Weilchen“.  Das hat uns natürlich nicht wirklich befriedigt, aber es war klar: hier ist nichts zu erfahren. Klar war auch: irgendwas wird es geben.

Eine Eintrittskarte ins Nichts am Anfang des Sommersemesters? Wo wir doch gerade alle die Ärmel hochkrempeln und uns neu sortieren. Schnell noch die Bibelkundeprüfungen absolviert, die Hausarbeit fertig oder wenigstens ein gutes Stück weiter geschrieben, die Schränke und Regale neu eingeräumt. Ein volles Semester liegt auch im TSH vor uns: wir fahren nach Budapest und planen wieder ein Sommerfest, Hausabende, AGs, jours fixes und natürlich das Volleyballturnier, das es wieder zu gewinnen gilt. Das ist wahrlich nicht Nichts. Stimmt. Einerseits.

Andererseits: bei allen Planungen ist doch noch völlig offen, wie es wirklich werden wird in den nächsten Monaten. Manchmal braucht es das Nichts, die Leere, die unverhoffte Lücke im Stundenplan, um Neues aufnehmen und sehen zu können.

Im Nichts und in der Leere liegen ungeahnte Möglichkeiten. Da sitzt Elia abgekämpft, aber erfolgreich in der Höhle am Berg Horeb. Der einsame Gerechte, der erst rasend vor Erfolg, dann zitternd vor Angst war, als sie ihm nachjagten. Und dann spielt sich vor seinen Augen alles ab, was zu einer ordentlichen Gotteserscheinung gehört: Sturm, Erdbeben, Feuer – das volle Programm. Aber der Sturm war einfach Sturm, das Erdbeben einfach Erdbeben, das Feuer einfach Feuer – Gott war nicht in ihnen. Und dann nach dem ganzen Getöse: Stille, plötzliches Schweigen, das Flüstern eines sanften Windhauchs, ein Nichts. Aus diesem Flüstern des Windhauchs, aus dem Nichts hört Elia die Stimme Gottes: Was tust du hier? Erst als das Getöse vorbei ist, als das übervolle Programm vorbeigerauscht ist, hört Elia die entscheidende Frage: was tust du hier?

 Das Flüstern, das Nichts, öffnet überhaupt erst den Raum für das, was kommt. Für die Fragen, für neue Impulse, für das, was der Alltag zuschüttet.

Nach den Turbulenzen schafft die Leere Raum für Neues. Das erlebten auch die Frauen, die am frühen Ostermorgen zum Grab Jesu kamen. Dass das Grab leer war, hat sie vor allem erschreckt und ratlos gemacht. Da haben sie alle Kraft zusammengenommen und sich auf den Weg gemacht, um den Toten zu salben und dann – Leere. Nichts.

 Sie konnten es noch nicht sehen, dass in dieser Leere eine große Verheißung liegt. Dass der Tod und dass, was mich klein macht und auf die Erde  wirft, nicht das Ende ist. Dass auch dann, wenn alles in die Ecke und an die Wand gedrängt ist, es eine besondere Leere gibt, die Neues verheißt und Raum zum Aufatmen schafft. Wenn Hoffnungen sterben – auf eine Beziehung, auf eine neue Stelle, auf Klärung von Ungeklärtem – dann bleibt oft erst einmal Leere. Dann ist das Nichts dunkel und jeder Halt scheint verloren. Manchmal ist es verdammt schwer, in Leere und Nichts Verheißung zu sehen.

Und doch entsteht so Raum für Neues. Das leere Grab kündet von der Auferstehung Jesu, vom Sieg des Lebens über den Tod.

Aus dem Flüstern des Windhauchs spricht Gott zu Elia.

In den nächsten Wochen wird es mitunter stürmen und beben, werden große Hoffnungen aufkeimen, es steht zu befürchten, dass auch dann und wann Schmerz und Enttäuschung zu spüren sind. Dann will ich nach den Inseln des Nichts suchen. Nach der Leere und den Zwischenräumen, die Platz für Neues schaffen.

Treten wir ein in eine Semester voller Freiräume und Zwischenräume, noch leer und unverbraucht. So sind wir dann Osterleute, Leute, die von der verheißungsvollen Leere wissen.

Treten wir ein und lösen sie ein: die Eintrittskarte ins verheißungsvolle Nichts.

 

Fingerzeig im Prüfungswahnsinn (29.01.14)

O, wenn es doch eindeutige Fingerzeige vom Himmel gäbe! Letzte Woche sah es ganz so aus, als ob es so wäre. So nach allen Regeln der Kunst – sogar ein Bild gab es in der RNZ. Fingerzeig! Ein Blitz schlug ein in die Christusstatue in Rio de Janeiro und hat ihr den Specksteinfinger gebrochen. Zwei Tage später war von einer „Blitzreparatur“ zu lesen, wohl ein eher unfreiwilliger Wortwitz.

Wenn man sich das Bild aus der RNZ anguckt, sieht es herrlich uneindeutig aus, wer wohin blitzt. Vielleicht doch der Messias, der mit Feuer und Schwert die Erde aufräumt?

Aber nicht nur in Zeiten wie diesen am Ende des Semesters ist es mitunter schwieriger das Eigentliche zu entdecken. In diesen Tagen am Ende des Semesters muss ich wie immer am Ende des Semesters daran denken wie es war.

Irgendwann hatte der Wahnsinn alle gepackt. Immer, am Ende des Semesters. Wenn die Sprachprüfungen drohten. Dann ging ein Spruch über den Heiligen Berg und hallte durch die Wohnheimflure von Bethel: stell Dir vor, Du kommst froh beschwingt aus dem Graecum – und wirst vom Bethelbus überfahren.

In Bethel, dem Stadtteil von Bielefeld, auf dem Berg mit der einst legendären Kirchlichen Hochschule fuhr dieser Bus. Eine Art Schulbus für die, die dort wohnten. Für Klaus-Dieter, der immer, wenn mehr als drei zusammenstanden sich in Positur warf und dirigierte – ob man nun sang oder nicht. Für den alten Heiner, der immer mit einem riesengroßen Plüschesel, mit dem er sich natürlich auch unterhielt, unterwegs war. Für Michael, den alle nur Hallo-Michael nannten, weil er immer Anschluss suchte. Das Leben hatte ihn kaputt gemacht und so stiefelte er durch den Remterweg, immer eine Hand hinten in der Hose. Die zog er raus, wenn man ihn traf, streckte sie einem entgegen: Hallo! Hallo – Michael.

Der Bethelbus fuhr Bethelbewohner, solche auf dem Weg zur Psychiatrie, nach Gilead IV. Für solche, die in Wohngruppen für Menschen mit Epilepsie wohnten. Für die Chefärztin auf dem Weg in die Klinik. Manchmal auch für uns Studentinnen und Studenten, samt den Marktkauftüten, die man so unter dem Arm hatte. Für sie und für uns alle fuhr der Bethelbus seine Runden über den Berg. Aber nicht – wie in großen weißen Zahlen auf der Straße gefordert war – mit 30, sondern immer mit mindestens 50 heizte er durch die kurvigen Sträßchen. Man musste schon auf der Hut sein.

So kam es, dass wir es uns vorstellen: aus dem Hebraicum rauskommen, endlich sprachfrei – und dann: zack, vom Bethelbus überfahren. Ich glaube, es hat nie einen ereilt, aber in unserem Sprachenfatalismus gehörte die Geschichte vom Tod durch Bethelbus zum schwarzen Standardhumor.

Stell Dir vor, Du hast alles, was Du gerade wie einen Riesenberg vor Dir siehst, hinter Dir. Alle Klausuren bestanden, mit Ach und Krach durchs Mündliche gezittert, die Hausarbeit endlich abgegeben. Und dann wird alles ganz anders. Muss ja nicht gleich Tod durch den Bethel- oder den Ziegelhauser Bus sein. Was würde das für alles, was jetzt in diesen Tagen an Prüfungsstress wartet, bedeuten? Würde sich das Licht verändern, das auf all dem liegt?

Wenn wir uns verzweifelt oder beschwipst, durchgedreht oder prüfungsängstlich die Geschichte vom Bethelbusverkehrsopfer erzählten, dann schwang da immer auch ein bisschen frecher Relativierung mit. Trotz allem Tunnelblick.

Ich möchte es heute noch ein Zahnrädchen weiterschrauben. Was, wenn sich plötzlich, sogar in der nervigen Prüfungssituation erweist, dass hinter den mühsam übersetzten Worten, hinter der Frage nach Hifil und Nifal, hinter den komplizierten Berechnungen in der Physikklausur, hinter den griechischen Akzenten – dass hinter all dem ein bisschen Gold hervorblitzt.

Ein bisschen von dem Gold, das aus nackten Wörtern und Zahlen das Wort zum Leben macht. Kaum hörbar und verdeckt hinter dem Bemühen mit hochrotem Kopf, das Ganze irgendwie zu übersetzen. Hinter dem Bemühen, endlich einen klaren Gedanken aufs Papier zu bringen und die Fußnoten der Hausarbeit im Griff zu behalten.

Manchmal scheint leise am Rand des Blattes, auf dem vor lauter Stress die Buchstaben tanzen ein bisschen von dem Gold, das Leben verheißt. Ein bisschen von dem Licht am Ende des Tunnels.

Stell Dir vor, Du hast all Deine Prüfungen, die Berge, die vor Dir liegen, die Steine, die Dir im Magen liegen, die Klöße, die Dir im Halse stecken, hinter Dir – und einer fragt Dich: wo hast Du in all dem das Leben entdeckt?

Vielleicht ist dann schon die Frage ein Fingerzeig, mit dem etwas hineinblitzt davon, dass es mehr gibt als das, was gerade schlaflose Nächte macht.

Glück: Gott nahe sein (15.01.14)

Das Glück ist in Mode. Schon eine ganze Weile. Es gibt Glücksratgeber, theologische Bücher über das Glück und vor ein paar Jahren wurde an einer Heidelberger Schule sogar das Fach Glück eingeführt.

Das amüsanteste Buch über das Glück hat der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen geschrieben. Das Buch macht schon allein deswegen ein bisschen glücklich, weil es zum Schmunzeln anregt mit Lebensweisheiten wie diesen: „Du willst anders sein? Andere gibt es schon genug.“

„Wenn du jemanden kennen lernen willst, geh aus dem Haus. Es sei denn, du stehst auf Postboten und Zeugen Jehovas – oder du wohnst im TSH.“

Unschlagbar: „Shit happens. So ist das Leben. Mal bist du Taube, mal bist du Denkmal.“

Und er hat einen Glückskompass entwickelt, den ich Ihnen mitgebracht habe. Und weil Basteln auch glücklich macht - Stricken ist das neue Yoga, hab ich neulich gelesen – gibt’s den Kompass als Bastelbogen. Glück hat viele Gesichter und macht auch in kleinen Dosen genossen das Leben ein wenig heller.

Das Glück setzt auch die Jahreslosung für dieses Jahr über 2014. „Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“ Eine Losung, die gut auf eine Ecke des Glückskompasses passen würde. Aber sie ist ihrer eigentlichen Spitze beraubt. Aus Marketinggründen. Wie das?

Die ökumenische Arbeitsgemeinschaft, die die Jahreslosung bestimmt, hatte sich für das Ende des Psalms entschieden, den ich vorhin gelesen habe. Das Ende eines langen Ringens darum, wie Gottes Nähe spürbar sein soll, wenn doch alles dagegen spricht. Der Mensch, der den Psalm betet, beobachtet, dass es in der Welt ungerecht zugeht. Die Frevler, die weder eigenes Leid noch Mitleid kenne, das sind die Glücklichen. Daran verzweifelt der Beter und gerät in eine Glaubenskrise und sagt: Als mein Herz bitter wurde und es mir an die Nieren ging, da war ich ein Rindvieh, das nichts begreift, wie Vieh war ich bei dir.

Aber dann, als Gott sich ihm auf geheimnisvolle Weise offenbart, ändert sich seine Sicht der Dinge: Gegen alle Vernunft und Erfahrung entscheidet sich der Psalmbeter, Gott treu zu bleiben.

Und so wendet sich am Ende das Blatt: Ich aber – Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich aber! Das ist der entscheidende Auftakt zur Losung. Auch wenn alles dagegen steht, wenn es Rückschläge und Enttäuschungen gibt, verspricht die Nähe zu Gott und Gottes Nähe zu uns, neues Glück. Daran festzuhalten ist keine Sache, die ein für alle mal feststeht, sondern immer wieder neues Ringen.

Das ist der Clou der Jahreslosung, auch wenn es weniger gefällig ist als die abgeschnittene Variante, die jetzt auf Tassen, Postkarten und Kalendern prangt. Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ob das auch für mich stimmt, das kann je und je sehr unterschiedlich aussehen. Deswegen will ich das „ich aber“ mitdenken, wenn ich die Losung höre und lese. Ich aber – allen Unkenrufen zum Trotz, allen Glücks- und Unglücksverheißungen und Ratgebern zum Trotz – ich aber halte daran fest, dass Gottes Nähe zu suchen, mein Glück und ein Segen für mich ist. Das lässt mich dann auch das Glück im Kompass meines Lebens entdecken.

Madiba ... (11.12.13)

Die Welt wartet auf einen, der das Bestehende umkehrt, der für Recht und Gerechtigkeit sorgt, der den Menschen als Menschen sieht. Das ist Advent.

Gestern nahm die Welt Abschied von einem, der sein Leben lang dafür eingestanden ist, dass Recht und Gerechtigkeit einziehen, dass Menschen Menschen sind – und nicht Schwarze oder Weiße. Aus der ganzen Welt waren sie nach Südafrika ins Stadion in Soweto gereist, um von Nelson Mandela Abschied zu nehmen. Er hatte sein Leben für die Versöhnung von Gegensätzen gekämpft und im Stadion angesichts seines Sargs schien es, als ob diese Botschaft angekommen war. Politische Gegner reichten sich die Hand, die Dankbarkeit für dieses Leben kam in fröhlichen Gesängen zum Ausdruck. Die Welt nimmt Abschied von einem großen Versöhner.

27 Jahre seines Lebens hat er auf der Gefängnisinsel Robben Island verbracht. Gegen die Verbitterung hat er im Kalksteinbruch eine Universität gegründet. Hat die Mitgefangenen unterrichtet, hat den Geist wachgehalten, obwohl sie seine Stimme und seine Person zum Verstummen bringen wollten. Nach 27 langen Jahren wurde aus dem Gefangenen ein freier Mann, kurz darauf der Präsident des demokratisierten Südafrika. Viel ist dort für Versöhnung getan worden und doch immer noch ein Land, das unter Spannungen und in einer Zerreißprobe steht.

Die Welt schaut auf diesen Menschen, der aus der kargen Lage heraus beharrlich und getragen von seinem Glauben für ein neues Südafrika gekämpft hat.

Mandela war nicht der Messias. Aber ein großer Versöhner unter den Völkern. Er ist nicht der Versuchung erlegen, die eigene Machterhaltung ins Zentrum zu setzen, sondern er hat in Demut und doch klar gekämpft.

So ist er zu einer Adventspersönlichkeit geworden. Zu einem, der dafür stand, dass es sich lohnt, auf Gerechtigkeit und Gleichheit und auf Versöhnung zuzugehen. Und zu einem, der mich wachhält dafür, dass der Weg noch lang ist. Noch ist Advent in dieser Welt. Noch warten wir auf den, den wir einst empfangen. Aber unser Warten macht uns zu Adventsmenschen – und zu Protestleuten gegen das, was Gerechtigkeit stört und Menschen klein hält.

Wir warten auf das kleine Kind, das die Welt auf den Kopf stellt. Auf den König, der so ganz anders einzieht in die Welt. Auf den Versöhner, der das Zerrissene an einen Tisch bringt.

Auf dem Weg unseres Wartens begegnen uns gelegentlich Menschen, die etwas davon ahnen lassen, dass anderes und mehr möglich ist. Mandela, Madiba war so einer.

Die Welt hat auf ihn gesehen. Die Welt wurde durch ihn anders. Die Welt nimmt Abschied und geht ihm auf der Spur weiter – dem entgegen, der alles anders machen wird.

Annelies - eine Stimme, die nicht zum Schweigen gebracht ist (19.11.13)

Vermutlich sind Sie dem fröhlich lachenden Mädchen schon mal begegnet – die wache, lachende und neugierige 12-Jährige ist Anne Frank. Dieses Lachen ist lange her. Inzwischen wäre sie 84 Jahre alt. Sie könnte noch leben, hätte Jahre gefüllt mit reichem Leben, mit Höhen und Tiefen, Träumen und Enttäuschungen.

Aber Anne Frank ist nicht erwachsen geworden. Sie ist nach Jahren im Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht erst nach Auschwitz verschleppt worden und starb im März 1945 in Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch, voll von dem, was sie bewegte, hat nach dem Krieg Generationen von Kindern und Erwachsenen bewegt. So bleibt sie das Kind, die 12-Jährige, die das Leben noch vor sich hat.

Die Texte aus ihrer Feder sind auch zu einem Oratorium geworden. Ich habe es in Chicago gehört. Bewegende Musik. Aber noch bewegender war für mich das, was nach dem Konzert passierte. Es gab die Möglichkeit für das Publikum Fragen an die Musiker zu richten. Der Chor bestand aus Mädchen und Jungs, die im Alter von Anne Frank waren. Auf die Frage, wie sie sich all die Texte merken konnten und was es für sie bedeute, dieses Stück zu singen, sagte ein Mädchen: „Anne Frank ist wie eine Freundin für mich geworden. Meine Großeltern sind im Krieg nach Amerika geflohen. Sie sind deutsche Juden. Und plötzlich ist mir klargeworden, dass es mich gar nicht gäbe, wenn sie damals nicht entkommen wären.“

Ich lese die Losung für heute und es bleibt etwas offen, nicht nur für Anne Frank, sondern auch für mich. Sie haben mich oft bedrängt von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht überwältigt.

Der Psalmbeter endet mit der hoffnungsvollen Erkenntnis: sie haben mich nicht überwältigt. Ja, es gibt und es gab die, die mich bedrängt haben, immer und immer wieder. Die mich unter Druck gesetzt haben. Von außen und von innen. Die mir gesagt haben: das reicht alles nicht. Die mir gesagt haben: mach dies noch und das noch. Die mir das Leben schwer gemacht haben und die mich verletzt haben. Aber sie konnten mir das Leben nicht nehmen. Sie haben mich nicht überwältigt.

Das Lachen von Anne Frank haben sie sehr wohl überwältigt. Zunächst. Und bitter. Wie das von so vielen.

Und doch ist die Wendung aus dem Psalm auch für sie eine Hoffnungsperspektive. Sie haben das Leben dieses Mädchens ausgelöscht, aber ihre Stimme konnten sie nicht zum Schweigen bringen.

Es ist wahrlich kein Automatismus, dass die Bedrängnisse des Lebens uns nicht überwältigen. Dafür gibt es viel zu viele Erfahrungen, die vom schmerzhaften Sieg der Gewalt über das Leben künden.

Und doch bleibt die Perspektive: letztlich, am Ende, wird das Leben siegen. Die unbändige Kraft, die mir vom Himmel her zuwächst, die Hand, die Gott mir ausstreckt und mit der er mich aufrichtet, die ist stärker als alles, was mich bedrängt.

Sehnsucht nach Leben und Fragen, was werden wird – gepaart mit Hoffnung: beides ist zu hören in dem Ausschnitt aus „Annelies“. Ausschnitte aus Anne Franks Tagebuch.

Wann gehen wir ins Versteck? Wo werden wir uns verstecken?In der Stadt? Auf dem Land? In einem Haus? In einer Baracke?Diese Fragen gingen mir immer im Kopf herum.Ich fing an, meine Habseligkeiten zu packen.

Das erste war mein Tagebuch. Erinnerungen bedeuten mir mehr als Kleider.
Es kommt mir vor, als wären seit Sonntag Morgen Jahre vergangen.
So vieles ist geschehen; es ist als ob die ganze Welt sich plötzlich gewendet hat.

Wortverirrungen (6.11.13)

Die Empörung in der Netzwelt war leise, aber hörbar. Als Abhilfe gegen die Novemberdepression pries den Wellness- und Saunafreunden eine Thüringer Sauna einen ganz besonderen Abend an: „Samstag, 9. November. Die lange romantische Kristall-Nacht.“

Unbedarft und unsensibel auf der Suche nach einem knalligen Werbegag – mitten rein in den Porzellanladen. 75 Jahre nach einem anderen 9. November, an dem schon mal eine Nacht als „Kristallnacht“ bezeichnet worden war. Reichskristallnacht nannten sie in Nazideutschland jene Nacht, in der die Glasscheiben von Synagogen und jüdischen Geschäften klirrend zerschlagen wurden, in der Thorarollen verbrannt wurden und damit in das Mark der jüdischen Gemeinden und Menschen getroffen wurde.

Die Thüringer Therme hat sich inzwischen auf ihrer Homepage für die „unsensible Namensfindung“ entschuldigt und beteuert, dass sie beschämt ist. Was bleibt, ist weniger der erhobene Zeigefinger der um political correctness Bemühten.

Aber ein klarer Blick darauf, dass es Ereignisse gibt, die Sprache vergiften und die mit Worten schöngeredet werden.

Ross und Reiter zu benennen, den Dingen auf den Grund zu gehen – das ist es dagegen, was den Glauben ausmacht. Sich dessen nicht zu schämen, was zu sagen ist. Am Anfang des Römerbriefs hält Paulus es fest: Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht.

Behutsam mit den Worten umzugehen, die unser Denken und unsere Sicht auf die Welt bestimmen, das ist viel mehr als political correctness. Es hat etwas damit zu tun, dass ich den anderen wahrnehme und damit rechne, dass meine Sicht auf die Welt ihn verletzen kann.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: ja und? Muss ich jetzt total ausgebremst kommunizieren? Nicht mehr einfach direkt sagen, was ich denke? – Nein, darum geht es mir nun wirklich nicht. Dafür bin ich ja selbst viel zu geradeaus, das haben Sie vermutlich schon gemerkt. Aber die Bereitschaft, nochmal hinzuhören und genau hinzusehen, die ist mir schon wichtig. Und wach und aufmerksam mit dem umzugehen, was unsere Geschichte – die große und meine ganz persönliche – bestimmt und geprägt hat.

Dann wird auch das Gedenken, das in den nächsten Novemberwochen zu verschiedenen Gelegenheiten keine fromme oder politische Pflichtübung, sondern eine Sehschule für das, was mich wachhält.

Wer den zweiten Blick wagt, der hört sich auch selbst zu – und ist sensibel für das, was seine Worte sagen.

Und das gilt nicht nur am 9. November.

Home is where your story begins (16.10.13)

Home is, where your story begins! Dieses Schild hing vor zwei Wochen an meiner Tür. Es begrüßte mich, als ich von 2 Monaten Studienaufenthalt aus Chicago zurückkam.

Home is, where your story begins! Das ist eine schöne Überschrift, über den Anfang des Wintersemesters im Theologischen Studienhaus. In zwei verschiedenen Gemeinden in den USA habe ich den Homecoming-Sunday erlebt. Homecoming, das ist der Sonntag nach den Sommerferien. An diesem Sonntag gibt es ein fröhliches Wiedersehen der Alteingesessenen und ein besonders herzliches Willkommen für die, die neu in der Gemeinde sind – oder die einfach mal reinschneien und reinschnuppern. Die Gemeinde stellt sich vor mit allem, was sie anbietet und sagt so: wir freuen uns auf Dich! Du bist wichtig für unsere Gemeinde und es macht einen Unterschied, ob Du da bist oder nicht. Der erste Mittwochabend im TSH und das nächste Wochenende ist auch so ein Homecoming. Gleich in der Hausversammlung und in der Bar sortiert sich das Hausleben neu, es gibt einen Überblick, was so los ist und vor allem: fröhliches Wiedersehen der Alteingesessenen und herzliches Willkommen den TSH-Neulingen. Wir freuen uns auf Dich! Du bist wichtig für unsere Gemeinschaft und es macht einen Unterschied, ob Du da bist oder nicht.

Home is, where your story begins! In diesem Zuhause hier beginnt in diesen Tagen eine neue Story. Die Story des Studiums in Heidelberg, die Story des Studiums überhaupt, die Story eines neuen Abschnitts in meiner Lebensgeschichte. Ein großer Aufbruch, zu dem Anfänge gehören.

Wenn die Wogen des Semesters hoch schlagen, dann lohnt es sich, an den Anfang zurückzudenken – und an die Aufbruchstimmung, die von da ins Leben geleuchtet hat. Das wussten schon die Urväter und Urmütter. Als das gelobte Land von einem fernen Sehnsuchtsort zur ganz konkreten  Perspektive wurde, da schlugen die Israeliten den Bogen zu ihren Anfängen. Zum Dank für das Neue gehört die Erinnerung an den Weg, wie es soweit kam. Die Erinnerung an steinige Wege und schmerzliche Abschiede. An Hoffen und Bangen, ob es mit dem Studienplatz und dem Wohnheimplatz in Heidelberg etwas wird. Natürlich ist das TSH nicht unbedingt das Gelobte Land. Aber ein Ort, an dem eine Story ihren Anfang nimmt und ein Ort, der so ein Zuhause werden kann.

Im 5. Buch Mose findet sich die Erinnerung an die Anfänge. (Dtn 26, 1.5ff)

Wenn du in das Land kommst, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe geben wird und du darin wohnst, [...] dann sollst du anheben und sagen vor dem Herrn, deinem Gott:

Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde ein großes, starkes und zahlreiches Volk. Aber die Ägypter behandelten uns schlecht [...] Da schrien wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter. Und der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und unsere Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.

Die Erinnerung an die Befreiung aus politischer Unterdrückung gehört seit den Anfängen zu unserem Glauben dazu. Von dem sicheren Zuhause aus, in dem unsere Geschichte beginnt, öffnen sich Fenster in die Welt um uns herum. Die kann uns nicht kaltlassen. Nicht die Flüchtlingsboote, die vor Lampedusa Menschen vor den Toren Europas den sicheren Tod bringen, nicht die Zimmernachbarin, die seit Tagen bedrückt am Esstisch sitzt, nicht der Obdachlose, der auch durch Heidelbergs romantische Gassen läuft.

Auch das ist mir aus der Ferne neu bewusst geworden: wie sehr wir uns auch als Christenmenschen in unseren Kirchen um uns selbst drehen und manchmal kaum mehr Blick haben, dass es um mehr geht, als das Bejammern der eigenen Lage. Mit der Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung ist ein Stachel gegen die eingefahrene Selbstgenügsamkeit gesetzt und ein scharfer Blick auf das, was um uns herum passiert.

Die Welt ins Gebet nehmen und mit klarem Blick darauf sehen, was Not tut in der Nähe und in der Ferne, das gehört zu unserer Story als Christenmenschen dazu.

Eine Story, die immer wieder neu beginnt – dort, wo ich zu Hause bin.

Möge Gott über dieses Semester und unsere gemeinsame Zeit hier im TSH seinen Segen legen!

Dass uns dieses Haus zu einem Zuhause wird, von dem wir sagen können: Home is, where your story begins.

es brodelt ... fest und beharrlich (02.07.2013)

Darum seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. – Der Lehrtext von heute liest sich besonders. Fest, unerschütterlich und nicht nachlassen, weil die Arbeit nicht vergeblich ist. Mal wieder schaut die Welt auf den Tahrir-Platz in Kairo.

Fest und unerschütterlich haben sich Tausende dort wieder niedergelassen. Auf jenem Platz, der zum Sinnbild für den Arabischen Frühling wurde, auf den viele einen bitteren Herbst folgen sahen. Im Kampf darum, wer auf der richtigen Seite der gerechten und demokratischen Sache steht, brodelt es in der heißen Stadt. So war die Revolution nicht gemeint. Von Demokratie keine Spur, die Muslimbrüder islamisieren die Gesellschaft, die Wirtschaft liegt am Boden, an den Tankstellen habe ich schon im März die Schlangen an den leeren Zapfsäulen gesehen. Die Welt hält einmal mehr den Atem an und es ist offen, wohin die Reise gehen wird im Schatten der Pyramiden.

Seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. Die Worte aus dem 1. Korintherbrief, die über diesem Tag stehen sind allerdings keine Durchhalteparolen für Rechthaber. Noch nicht einmal für die, die sich im Recht und auf der richtigen Seite wähnen. Vielleicht sogar auf der richtigen Seite sind. Weil sie die Massen begeistern, weil ihre facebook-Posts besonders viele Likes bekommen, weil die Zahl ihrer Demonstranten höher ist als die der gegnerischen Partei.

Nicht weil ich fest und unerschütterlich an meiner eigenen Unfehlbarkeit hänge, soll ich beharrlich am Werk bleiben. Ob mein Tagwerk und meine Arbeit vergeblich ist oder nicht, das entscheidet sich daran, um wen es dabei letztlich geht. Gott ist es, der entscheidet, ob mein Tun und Reden, mein Tun und Lassen, seiner Sache dient oder nicht.

Das rückt heilsam all mein Werk und Werkeln zurecht. Nicht um es kleinzureden, aber um zu sagen: nimm einen Gang raus, deine Arbeit ist nicht vergeblich, so oder so nicht.

Heute schwitzen einige aus dem Haus über Prüfungen, Examen und Graecum. Da steckt jede Menge Arbeit drin, Werke, vielleicht auch Zweifel und Verzweiflung. Und am Ende braucht es dann eben doch auch das kleine Quentchen Glück, dass der richtige Text drankommt und dass das Gespräch gelingt.

Egal wie es ausgeht, es liegt Hoffnung darauf, dass es nicht vergeblich ist. Jedenfalls dann nicht, wenn in diesen Werken das aufleuchtet, worum es eigentlich geht: das Ringen um eine Welt Gottes, in der nicht Vergeblichkeit und Resignation regiert, sondern guter Mut und aufrechter Gang. Freies Wort auch in bedrängenden Situationen von Prüfungen, Machtspielchen und Bewerbungsgesprächen. Das braucht es. Es ist nicht vergeblich!

Noch eins: wahre Festigkeit und Unerschütterbarkeit zeigt sich mitunter in einem hohen Maß an Beweglichkeit. Wenn ich in mir fest und nicht von jedem Wind erschütterbar bin, dann muss ich nicht stur an dem beharren, was sich einmal aufgedrängt hat.

Solche Beweglichkeit hat zu tun mit dem festen Grund, auf dem meine Füße auch heute stehen - oder mit den Worten der Tageslosung: Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.

Das lasse ich mir heute gesagt sein – und bete um Bewahrung für die, die um festen Grund ringen. Hier und auf dem Tahrir-Platz.

 

Gluthitze (19.06.2013)

Wie kommt man heil durch die Hitze? Das ist die Frage dieser Tage... in Berlin schwitzt Obama, hier schwitzen wir. Aber keine Sorge, das werden hier jetzt nicht Plaudereien über das Wetter. Hitze, Glutöfen – und wie man heil wieder heraus kommt, das kann man zwar irgendwie heute besonders gut nachvollziehen, aber es geht noch um mehr, heute abend, hier in der wohltuend kühlen Kapelle.

Erinnern Sie sich an die Geschichte von den drei Jünglingen im Feuerofen? Der Prophet Daniel erzählt sie. Nebukadnezar, der große und leicht größenwahnsinnige König verlangte von allen, die in seinem Reich lebten, dass sie vor seinem Denkmal zu Boden fallen sollten und ihm huldigen. Eine große Demonstration von Macht, auch eine von Selbstherrlichkeit und Selbstverliebtheit. Alle sollten ihm huldigen. Aber hinter der aufgepumpten Fassade versteckt sich ein um seine Position besorgter Wicht. Wer nicht in sein Weltbild passt, muss unter Druck gesetzt werden. Und ausgerechnet da kommen diese drei Männer aus Chaldäa. Drei Männer, die sich vom prunkvollen Klappern der Anbetungszimbeln nicht beeindrucken lassen. Weil sie wissen, dass wahre Größe nicht an Wichtigtuerei erkennbar ist. Unerschrocken treten sie dem selbstverliebten König gegenüber. Schon das ist eigentlich eine ganz schöne heiße Situation.

Es funktioniert doch eigentlich immer am besten, wenn sich alle dahin fügen, wo sie das Kräftemessen setzt. Wer aufbegehrt oder einfach nur sagt, so geht das nicht, wird abgesägt. Oder es wird ihm zumindest die Hölle heiß gemacht.

Die drei Männer weigern sich dem Pomp zu gehorchen – und werden in den Feuerofen geworfen. In die Glut derer, die zu wissen meinen, was sich gehört. In die Glut der Meinungsmacher und Redenschwinger. In die Glut derer, die ihre eigene Unsicherheit hinter einer Fassade von Pomp und Gloria und im devoten Blick auf ein goldenes Denkmal verstecken.

Sie riskieren alles und lassen Nebukadnezar wissen – so berichtet es Daniel: „Wenn unser Gott, den wir verehren, will, so kann er uns erretten; aus dem glühenden Ofen und aus deiner Hand, oh König, kann er erretten. Und wenn er’s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten wollen.“ Sie verbrennen nicht, trotz aller Versuche Nebukadnezars den Ofen immer weiter anzuheizen.

Die Männer haben sich nicht irgendwelche Strategien überlegt, sie haben auch nicht verhandelt oder sind um das eigene Leben gelaufen. Nein, sie blieben bei dem, was ihnen inneres Feuer gab. Dadurch konnte das, was um sie herum brannte, ihnen nichts anhaben.

Vielleicht lässt sich dem ja heute abend, an diesem heißesten Tag des Jahres etwas abgewinnen: dass Hitze und Flammen züngeln mögen, dass das Semesterende mit Prüfungen und Umzugsplanungen allmählich immer mal in den Blick kommt, dass das mir manchmal den Kopf heiß werden lässt nicht den gelassenen Kern verbrennen können.

 In seinen berühmten Invokavitpredigten ging Martin Luther sogar noch einen Schritt weiter. Aber auch ihn hat die Idee eines Backofens fasziniert – Luther predigt:  „Nun haben wir von Gott lauter Liebe und Wohltat empfangen, denn Christus hat für uns seine Gerechtigkeit und alles, was er hatte eingesetzt und hingegeben, hat alle seine Güter über uns ausgeschüttet, welche niemand ermessen kann; kein Engel kann sie begreifen oder ergründen: denn Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“

 Gott als ein großer Backofen von der Erde bis zum Himmel – so glühend heiß wie seine Liebe zu uns. Auch das ist eine gute Perspektive auf diese Hitzewelle, oder nicht?

Fluten (12.06.2013)

Braune Brühe überall. Hier bei uns in Heidelberg konnten wir es aus sicherer Höhe beobachten vor einer Woche – wie der Neckar rauschend stieg und stieg. Auch in der Altstadt wurden Sandsäcke gestapelt. Fasziniert standen die Menschen am Rand und sahen die Wassermassen. Richtig gefährlich waren sie hier nicht. Und vor allem sind sie flugs wieder gesunken.

Die Übermacht des Wassers war aber zu spüren. Noch mehr und noch deutlicher steht diese Übermacht vor Augen in den Bildern aus Magdeburg, aus Grimma in Sachsen und aus Hitzacker. Hoffen, Bangen, bergeweise Sandsäcke und dann doch Zerstörung in Zeitlupe.

300 m sind es sonst noch bis zur Elbe, jetzt steht sie vor der Tür, oder noch schlimmer hat alles weggerissen und unendlich viel Schlamm mit sich gebracht.

Mit dem unheimlichen Rauschen der Fluten des Hochwassers 2013 liest sich die alte Flutgeschichte aus der Bibel mit anderen Augen und Ohren.

Die Geschichte von der großen Flut und von unglaublichen Wassermassen ist auch die Geschichte einer großen Umkehr. Weniger eine Geschichte der Umkehr von geläuterten und zerknirschten Menschen, auch nicht so sehr die Geschichte von einer Solidaritätswelle die in Fernsehgalas und mit Sammeldosen das Land erfasst. Das alles gehört zu den Bildern der Flut. Die Geschichte der Flut in der Bibel redet vor allem von der Umkehr des Schöpfers selbst.

Frustriert über den Eigensinn und die Gewaltbereitschaft seiner Geschöpfe, darüber, dass sich Geschwister bis aufs Messer die Köpfe einschlagen hatte Gott die Flut kommen lassen. Großes Aufräumen war der Plan. Nur der gerechte Noah und seine Familie – nebst den Tieren – sollte gerettet werden. Erst schien alles glatt zu gehen, wenn auch brutal. Die große Flut vernichtete alles. Alles, was in langen Jahren gewachsen war, mühsam gebaut, alles wurde weggespült. Häuser und Dörfer bis übers Dach ein Opfer der Fluten. Tiere ertrunken, Hab und Gut verschlammt.

Und am Ende? Da war nicht endlich aufgeräumt. Da blieben auch nicht nur die übrig, die weiße Westen hatten. Oder die mit dem besten Hochwasserschutz. Am Ende stand auch nicht eine Gruppe zerknirscht Geläuterter. Nicht die Erkenntnis, dass unendliche Begradigung ihren reißenden Tribut fordert.

Am Ende hatte Gott selbst ein Einsehen – das auf den ersten Blick resigniert klingt, aber beim genauen Hinsehen höchst realistisch ist.

Am Ende verspricht Gott, die Erde nie mehr zu zerstören. Am Ende bleibt das Versprechen, dass der Kreislauf von Sommer und Erde, Frost und Hitze, Tag und Nacht nicht aufhören wird, solange die Erde lebt. Aber nicht, weil sich die Menschen geändert hätten.

Sondern weil Gott sieht, dass Menschen manchmal gar nicht anders können als einander zu verletzen – in der Bibel heißt es sogar: Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf.

Am Ende der Geschichte von der großen Flut geht alles anders aus als man denkt, vielleicht sogar anders als Gott dachte – und genauso geht es gut aus.

Am Ende geht es irgendwie weiter nach der Flut. Gott verspricht, die Erde nicht untergehen zu lassen. Sondern das Leben und die Lebendigkeit zu erhalten. In Heidelberg feiern wir am Sonntag den Lebendigen Neckar. Hier sind die Fluten schon wieder gegangen, der Neckar ist in sein Bett zurück, aus der braunen Brühe ist fröhlich glitzerndes Lebenswasser geworden.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: im Hier und im Jetzt wird alles neu, so schwer das manchmal ist.

Im Hier und im Jetzt wird alles neu - das ist auch eine Verheißung,  für die Menschen von Grimma und Hitzacker, von Dresden und Deggendorf – und für uns hier. 

Gott wischt ab die Tränen im Hier und im Jetzt. Er ist da. Im Großen wie im Kleinen.

Die Geschichte von der Flut in der Bibel hat auch damit zu tun, dass es manchmal sehr viel anders kommt als man denkt. Selbst darin liegt ein Segen. Gottes Segen.

Ein Aufschrei geht durchs Land (29.01.2013)

Die Netzwelt ist in Aufruhr. Und zwar in anderen Dimensionen als sonst. „Aufschrei“ heißt der hashtag bei twitter, unter dem seit dem Wochenende Menschen, vor allem Frauen, in 160 Zeichen das schreiben, was Sie zum Thema Sexismus beitragen können. An Erfahrungen, an Fragen, an Gedanken, an scheinbar alltäglich harmlosen Anzüglichkeiten.

Am Anfang stand ein Bericht über einen aus der Politik, der eine Journalistin an der Bar angemacht hat. Heißt es. Das ist auch schon fast egal. Gar nicht egal ist, was sich in über 60 000 tweets findet. Erfahrungen von kleinen oder gar nicht so kleinen Grenzverletzungen. Vom Typ, der sich im Bus extra eng an die Studentin gedrückt hat. Vom Professor, der das Nein zum Du-Angebot der Studentin einfach ignoriert hat. Vom coolen Typ, der seine Kumpels mit Geschichten, wie er sie rumgekriegt hat, beeindruckt.

Und es finden sich die Aussagen derer, die sich angegriffen fühlen. Die sagen: wer sich nicht wehrt, ist selbst schuld. Wer so einen kurzen Rock trägt, will ja nichts anderes.

Und solche, die fürchten, dass es jetzt noch viel komplizierter wird zwischen Männern und Frauen. Wo es doch eh schon so furchtbar kompliziert ist.

Auch die Spötter schweigen nicht. Diejenigen, die die persönlichen und schambesetzten Geschichten lächerlich machen. Die allerlei Obszönitäten in die Twitterwelt pusten und mutmaßen, dass die Zehntausenden, die da schreiben einfach nur mal richtig guten Sex bräuchten.

Nein, es geht nicht um die mehr oder weniger spaßige Diskussion, ob Frauen besser zuhören und Männer besser einparken können. Es geht auch nicht darum, ob Frauen vielleicht doch ein Opfer-Abo haben und ob in wirklich jedem Mann ein Triebtäter steckt. Um solche Schablonen geht es wirklich nicht. Auch nicht für ein Verbot ehrlich und charmant gemeinter Komplimente.

Es geht um Grenzen, um Respekt. Und es geht vor allem darum, sichtbar zu machen, was sich längst eingespielt hat. Und aufzuschreien, wo normalerweise alle verstummen. Vor allem die, die sich angrapschen lassen müssen, die sich in anzüglichen Herrenwitzen verspotten lassen müssen oder die in ihrer Intimität und persönlichen Würde verletzt werden.

Mir fällt die Geschichte einer Freundin ein. Sie wohnte als Pfarrerin allein irgendwo auf dem hessischen Land im Pfarrhaus. Irgendwann hatte sie einen Stalker. Einen, der als Durchreisender mehr als die übliche Spende wollte, als er an der Tür um Hilfe bat. Tage und Wochen terrorisierte er die Pfarrerin. Sprach ihr Obszönitäten auf den AB. Schlich nachts ums Haus. Klopfte an die Scheiben. Rief an und sagte „ich sehe genau, was du anhast...“. Die Pfarrerin erstattete Anzeige. Die Dinge waren eindeutig. Der AB ja voll von Beweismaterial. Als die Beamten das Haus betraten, war ihr erster Satz: „Warum leben sie als Frau auch allein im Pfarrhaus, ohne Mann?“

Alles nicht neu. Alles ziemlich eingefahren. Aber im Aufschrei der Netzwelt sind die bisherigen Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt. Zum Beispiel die, dass sich die Studentin uncool und zickig fühlen muss, wenn sie eine klare Grenze zieht. Oder die, dass eine Professorin erst einmal danach beurteilt wird, ob ihre Frisur sitzt – während ein Professor danach beurteilt wird, ob das Wort sitzt.

Und jetzt? Sollen alle in Sack und Asche gehen? Soll etwa der spielerischen Erotik zwischen Menschen der Garaus gemacht werden? Sicher nicht. Aber die Verhältnisse mal wieder zurechtrücken, das wäre etwas.

Mir fällt Paulus ein und das, was er an die Gemeinde in Galatien schrieb (Gal 3, 26.28): Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in  Christus Jesus. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Jesus Christus.

Paulus rückt etwas in ein anderes Licht. Es gibt weiterhin Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen. Aber die Unterschiede werden relativiert durch den gemeinsamen Bezugspunkt Jesus Christus. Die Unterschiede sind da, aber sie sind nicht mehr trennend. Die Unterschiede sind da, aber sie rechtfertigen nicht, dass die einen über die anderen verfügen.

Die Unterschiede sind da, aber sie stehen in einem größeren Rahmen. In einem Rahmen, der nach Respekt und Achtung verlangt.

Wenn Frauen, die gut einparken können, nicht mehr der Rede wert sind und Männer, die gut zuhören können, nicht mehr als unmännliche Softies angesehen werden, dann sind wir auf dem Weg zu einem Zusammenleben voll Respekt und Achtung voreinander.

Dann und wann braucht es wohl Aufschreie, um das alles wieder ins rechte Licht zu rücken.

Über den Nutzen von Widerständen (25.01.2013)

Letzen Sonntag wurden wir alle aufs Glatteis geführt. Wer es wagte, das Haus zu verlassen, dem hat es im wahrsten Sinn des Wortes fast die Füße weggezogen. Ich habe mich auf den Weg gemacht - schließlich wollte ich in das Konzert des ESG-Chors in die Peterskirche.

Nichtsahnend ging ich aus dem Haus und merkte schnell, dass ich sehr vorsichtig Schritt vor Schritt setzen musste. An der Alten Brücke wurde die Sache deutlich komplizierter, aber ich ging munter, wenn auch langsam und vorsichtig voran. Ich wurde immer unsicherer und irgendwann – etwa auf der Höhe der ersten Brückenstatuen – sah ich nur noch Eis um mich herum. Irgendwie konnte ich nicht mehr vorwärts und nicht rückwärts. Wie nützlich doch Widerstand ist! – schoß es mir durch den Kopf. Jetzt wo der Widerstand des Straßenpflasters unter der dicken Spiegeleisschicht vergraben war, wurde das erfahrbar. Ohne Widerstand komme ich keinen Schritt voran. Ohne Widerstand gibt es keine Bewegung. Ohne Widerstand mag zwar alles glatt – oder eben gar spiegelglatt gehen – aber es geht nicht voran.

Am Sonntag abend musste ich umkehren und an einer sicheren Stelle die Seite wechseln auf einen schmalen matschigen Streifen. Das war zwar unbequem, aber die einzige Chance.

Manchmal braucht es drastische Erfahrungen, um Widerstände schätzen zu lernen. Eigentlich wünsche ich mir, dass ich meinen Weg ungehindert gehen kann. Vor allem, dass ich ihn so gehen kann, wie ich es möchte. Bileam hat eine andere Erfahrung gemacht. Sein Widerstand war seine Eselin. Dachte er. Das bockige Tier scheut und weigert sich weiterzugehen. Weicht vom Weg ab, scheut und geht aufs Feld. Für Bileam ist sie einfach nur bockig. Und er tut, was man eben tut, um seinen Willen durchzusetzen: er schlägt sie. Dreimal. Seine ganze Wut liegt in den Schlägen. Das muss ja wohl zu machen sein, dass das Vieh weitergeht! Es muss ja doch zu machen sein, dass ich Vokabeln lerne, obwohl ich mit dem Kopf und dem Herzen ganz woanders bin. Es muss ja doch zu machen sein, dass ich meine Hausarbeit schreibe, obwohl ich mit meiner Erkältung dringend ins Bett gehöre. Es muss ja doch zu machen sein, dass ich mir immer noch mehr auflade, obwohl ein freies Wochenende auch mal wieder schön wäre. Es muss ja doch zu machen sein, über die spiegelglatte Brücke auf direktem Weg den Fluss zu überqueren.

Aber der Engel des Herrn steht im Weg. Der Widerstand schiebt sich in meinen schnurstraksen Gang. Ich kann nicht von ihm lassen. Meine Nase läuft und läuft. Meine Batterien sind ausgelutscht.  Normalerweise ärgere ich mich über solche Widerstände wie Bileam. Ich packe meinen – meist imaginären – Stock aus und hau auf die Pauke.  Es muss doch gehen!

Wie gut, wenn es dann Esel und Eselinnen gibt, die mir die Augen öffnen. Die den Engel sehen, den ich in meinem ganzen Wahn gar nicht erkennen kann. Die die rosarote Wolke sehen, die sagt: es gibt Wichtigeres im Leben als Vokabeln. Die den Ruf der Teekanne hören, die sagt: kurier dich erstmal richtig aus. Die die Musik aus der Kneipe hören, die ruft: verlier die Lust am Leben und dem Tanzen nicht!

Der glatte Weg ist nicht selten einer, der mich straucheln lässt und der ziemlich gefährlich ist. Wer auf dem Glatteis geht, hat keine Augen für die anderen, weil er sich so darauf konzentrieren muss nicht auszurutschen. Auch wenn es eine Solidarität der Rutschenden gibt, die einander wechselseitig vor dem Eis warnen.

Irgendwie bin ich am Sonntag über die Brücke und zur Peterskirche gekommen. Es ging glatt. Aber mit Widerständen wäre es besser gegangen. Mit Widerständen hätten meine Füße festen Halt gehabt. Mit Widerständen hätte ich tanzen können und leichten Fußes gehen.

Bisher mochte ich Widerstände nicht besonders. Das hat sich am Sonntag geändert.

Dem Eis und Bileams Eselin sei Dank.

Denken ohne Geländer (16.01.2013)

Nachdenklich steht sie am Fenster. Sie zieht an einer Zigarette. Es wird nicht bei einer bleiben, Zigarette um Zigarette steckt sie sich an. Die Ereignisse der letzten Wochen, die Briefe, die Diskussionen, die Frage, was sie über all das schreiben soll haben sie müde gemacht. Die da am Fenster steht in New York ist Hannah Arendt. Es ist das Jahr 1961. Die Philosophin ist gerade aus Jerusalem zurückgekehrt, als Prozessbeobachterin. Ihre Geschichte ist zur Zeit im Kino zu sehen – sehr sehenswert.

Hannah Arendt war eine der klügsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wollte „Denken ohne Geländer“. Sie wuchs seit 1906 in einem sozialdemokratischen, jüdisch-assimilierten Elternhaus in Hannover auf. Später studierte sie Philosophie und Theologie in Marburg und Freiburg. Edmund Husserl und Martin Heidegger gehören zu ihren Professoren. Mit Heidegger beginnt sie eine Liebesaffäre. Da er verheiratet ist, vor allem aber wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus vertieft sich die Affäre nicht. Dennoch fühlt sie sich ihm aber ein Leben lang nah.

In den 30er Jahren wird sie als Jüdin ins Internierungslager im französischen Gurs deportiert, kann dort aber entkommen und in die USA auswandern. Wie so viele Intellektuelle überlebt sie dort den Zweiten Weltkrieg.

Als nach Krieg und Grauen 1961 Adolf Eichmann in Jerusalem der Prozess gemacht werden soll, ist sie für die New York Times als Prozessbeobachterin dabei. Adolf Eichmann hatte seit 1935 als „Sachbearbeiter für Judenangelegenheiten“ in Berlin, Wien und Prag effektiv die Vertreibung von Juden organisiert. Seine infame Aufgabe bestand in der der Zusammenstellung der Transporte bis zur Auslastung der Eisenbahnzüge in die Todeslager.

Als Hannah Arendt nach Israel zum Prozess reist, will sie wissen, wer dieser Mann ist, der maßgeblich für die industrielle Ermordung von ungefähr sechs Millionen Juden mitverantwortlich ist. Sie stellt sich ein Monster vor. Stellt sich vor, dass einer, der dermaßen kaltblütig so viele Menschen in den Tod treibt, ein Ungeheuer sein muss. Sie wird überrascht.

Während des Prozesses sitzt Eichmann hinter einer Glaswand. Hannah Arendt nennt ihn ein „Gespenst in der Glaskiste“, ein „Hanswurst“, der offenbar die Fakten seiner Karriere als Nationalsozialist vergessen hat. Dafür referiere er in Floskeln seine Gefühle und Stimmungen. Statt des stolzen Organisators des Völkermordes oder einer monströsen Führungsfigur, begegnet Hannah Arendt einer, der sagt: Ich habe nur meine Befehle ausgeführt. Ich habe meine Pflicht getan, aber keine Verantwortung getragen.

In Jerusalem begegnet Hannah Arendt nicht dem abgrundtief Bösen, sondern der Banalität des Bösen. In seiner pflichtbewussten Harmlosigkeit, die jede Gewissensregung ausschaltet, in seiner Banalität liegt die Gefahr. Die Monster sind zu erkennen, aber die freundlichen Verführer, die braven Pflichterfüller, die banalen Bürger, die sind die eigentliche Gefahr. Ohne sie wäre das abgrundtief Böse nicht möglich gewesen.

Hannah Arendt veröffentlicht ihre Beobachtungen in mehreren Zeitungsartikeln und fasst sie zusammen zu einem „Bericht über die Banalität des Bösen“.

Hannah Arendt hat mit ihrem Bericht Entsetzen ausgelöst. Nicht etwa, weil der die Abgründe offenbart, sondern weil sie Eichmann nicht als Monster beschrieben hat. Weil sie die Verantwortung, die jeder einzelne hat, in den Mittelpunkt gestellt hat.

Hannah Arendts Bericht von der Banalität des Bösen öffnet mir nicht nur die Augen für eine fürchterliche Phase in unserer Geschichte.

Viel wichtiger ist für mich heute abend die Erkenntnis: das Böse, das, was Menschen zerstört, kommt allzu oft unter der Maske des Banal-Harmlosen daher. Die kleine Stichelei, die nach und nach jemanden kaputt macht. Der freundliche Erzieher, der sich an seinem Schützling vergreift. Die achtlose Unaufmerksamkeit, die mich denken lässt: sollen doch die anderen – ich bin’s nicht.

Moralisch aufgehobene Zeigefinger helfen da allerdings nicht weiter. Was weiter hilft, auf den Spuren von Hannah Arendt, ist: Denken ohne Geländer. Denken, das versucht, hinter die Dinge zu sehen. Denken, das die Grenzen der Zeit sprengt. Oder um es am Ende mit Hannah Arendt zu sagen: „Jede neue Generation, jedes neue Menschenwesen muss, indem ihm bewusst wird, dass es zwischen eine unendliche Vergangenheit und eine unendliche Zukunft hingestellt ist, den Pfad des Denkens neu entdecken und mühsam bahnen.“

Versuchen wir’s!